Fachtag 2018 – Erwachsene

 

  1. Tagung Werdenfelser Weg – Katholische Stiftungshochschule München

Herausforderndes Verhalten als Herausforderung in Altenpflege, Psychiatrie und Behinderteneinrichtungen

Am 13.07.2018 fand der 7. Fachtag Werdenfelser Weg (WW) an der Katholischen Stiftungshochschule (KSH) München statt.

 

Begrüßung Prof. Dr. Hermann Sollfrank, Präsident der KSH

 

Bild: Jo Jonietz

Als Präsident der Hochschule und Gastgeber, begrüßte Prof. Dr. Hermann Sollfrank die einzelnen Referenten und TeilnehmerInnen. Er betonte, dass zwischen den Initiatoren des Werdenfelser Wegs Dr. Sebastian Kirsch und Josef Wassermann sowie der KSH, eine erfolgreiche Kooperation besteht. Die KSH sei auf gute Kooperationspartner angewiesen, sowohl auf fachlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene.
Sollfrank wies auf den bereits im März 2018 stattgefundenen ersten Kinder- und Jugend- Fachtag Werdenfelser Weg hin: Inhalt und Grenzen der Personensorge – das Recht des Kindes oder Jugendlichen auf eine gewaltfreie Erziehung, im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe nach §1631 Abs. 2 BGB. Auch hier war eine große und interessierte Teilnehmerzahl vor Ort.
Die zuständigen Organe im Verfahren der freiheitsentziehenden Maßnahmen haben eine Art Kontrollfunktion, stehen den am Prozess beteiligten Personen aber auch beratend zur Seite. Sie sind Kooperationspartner für Betreuungsstellen, Heimeinrichtungen und vielen weiteren beteiligten Professionen. Damit nehmen Sie eine Schlüsselrolle ein: Die kontinuierliche Weiterbildung von Fachkräften, die Vernetzung der Akteure untereinander und der berufliche Erfahrungsaustausch trage dazu bei, sich immer wieder mit dem Thema auseinanderzusetzen und für die betroffenen Menschen die bestmöglichen Lösungen herauszuarbeiten. Für den heutigen Fachtag mit seinen vielen Vorträgen wünscht er sich, dass alle Teilnehmenden viel Wissenswertes mitnehmen und mit einen positiven Eindruck das Haus verlassen können.

 

 

Ein spiritueller Impuls:
Da Herr Thomas Hoffmann-Breu von der KHG München leider verhindert war, übersandte er herzliche Grüße und Josef Wassermann übernahm diese Aufgabe in seinem Namen.
Der spirituelle Impuls bezog sich auf die „Würde und Sorge auf die Schöpfung“, 1. Buch Moses, Genesis Vers 31: “Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut.“ Was erzählen uns die biblischen Geschichten über die Menschen? Der Mensch ist gut, er hat eine Würde. Im Alltag kämpfen wir täglich um die Menschenwürde. Diese zu achten sollte selbstverständlich sein, denn jeder Mensch ist wertvoll.

 

9.30 – 10.30 Uhr Vortrag

Die acht Samen der Achtsamkeit Grundausstattung für eine entspannte Pflege

Johannes Warth Ermutiger und Überlebensberater

 

Johannes Warth sagt über sich selbst: Ich bin ein Ermutiger und Überlebensberater im 21. Jahrhundert. Es sei ihm eine große Ehre, hier dabei zu sein und so machte er sich auf den Werdenfelser Weg, den man auch als „Würden-felser-Weg“ bezeichnen kann. Mit Worten jonglierte er im wahrsten Sinne des Wortes. Von Oberschwaben über Berlin, dem Norden oder Bayern und englischen Exkursionen, jeder Dialekt bereicherte seine Vorstellung. Schlag auf Schlag stellte er Bezüge zur Pflege, Führungskräften und dem Demografischen Wandel her: „Der Point of Change 1974: es werden viele Menschen kommen, um uns zu helfen!“ und „Wir ernten was wir säen.“ Die „Lacher“ waren auf seiner Seite.

Bild: Jo Jonietz

Den Initiatoren des Werdenfelser Wegs, Sebastian Kirsch und Josef Wassermann, sagte er, „dass sie etwas auf den Weg gebracht haben. Anfangs ein kleiner Pfad aber auf den Weg zu einer Allee. Der Spirit des WW muss rausgetragen werden.“
Das Kernthema seines Vortags, die acht Samen der Achtsamkeit, nachfolgend kurz erläutert:

  1. Einsamkeit: der eine Same – frivol gesehen an der Spitze, in der Erde oder auch einsame Spitze.
  2. Zweisamkeit: bedeutet Zusammenarbeit – mit Angestellten, Vorgesetzten oder Mitarbeitern
  3. Dreisam: beinhaltet dass aus dem englisch stammende to try – versuchen, ausprobieren. Es wird auch mit Fleiß in Verbindung gebracht, jemand versucht sein Bestes zu geben.
  4. Der vierte Same: Fear (engl. ) – Angst oder der Furcht-Same. Angst wird oft gesät, dies sollte niemand tun!
  5. Freudsame: Er zeigt Freude und Ansehen. Nach dem Motto von Karl Valentin: „Immer wenn es regnet, freue ich mich. Wenn nicht, regnet es trotzdem.“
  6. Der sechste Same: der Sinn-Same „der sechste Sinn“: hinterfragen Sie sich, ob Sie etwas Bestimmtes machen wollen oder es tun müssen. Menschen, die einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen, haben mehr Freude am Beruf und neigen weniger zu einem Burn Out. Hier spielt auch die eigene Motivation eine große Rolle.
  7. Der siebte Same oder Same des Siebens: Sie müssen es nicht mehr jedem Recht machen. Und schützen Sie sich vor Menschen, die Sie herunterziehen. Frei nach der Geschichte „Nichts Neues“ von Sokrates. Lesen Sie dies mal nach!
  8. Der achte Same: Achtsam: auch Hochachtungsvoll – ein jeder achtet auf den anderen. Nicht aus dem Blick verlieren. Ändern Sie mal Ihre Sichtweise und schauen Sie statt nach Vorn zuerst nach Oben in die Vertikale und dann in die Horizontale. Merken Sie was? Sie bilden Kreuz. Die Perspektive hat sich verändert und lässt andere Blickweisen zu.

 

Bild: Jo Jonietz

Den Abschluss seines Vortrags krönte Johannes Warth mit einem musikalischen Ausklang, in den er alle Teilnehmenden mit einbezog. Mit großem Applaus wurde er verabschiedet.

 

10.30 bis 10.45 Uhr

Begrüßung und Dank Josef Wassermann/ Dr. Sebastian Kirsch, Initiatoren Werdenfelser Weg

Foto: Jo Jonietz (GAPA-TV)

Im Anschluss begrüßten Josef Wassermann und Sebastian Kirsch die TeilnehmerInnen des Fachtags. Sie bedankten sich ebenfalls bei der KSH und weiteren Referenten für die kooperative Zusammenarbeit. Festzustellen ist, dass es eine große Vielfalt an Professionen gibt, die sich für das Thema Herausforderndes Verhalten und freiheitsentziehende Maßnahmen in der Pflege und Behinderteneinrichtung interessiert. Grundlage bleibt, Fixierungen zu vermeiden und Alternativen in Bezug auf FeM zu suchen. Das „Festbinden“ bleibt Ultima Ratio. Der Werdenfelser Weg geht nun auch andere Wege, wie schon erwähnt, Freiheitsentziehende Unterbringung und Maßnahmen bei Kindern – § 1631b BGB.
Viele Zitate, die zum 10-jährigen Bestehen des WW gesammelt wurden, wurden vorgelesen. Zitate zum WW waren z. B.: „Der Weg von Mensch zu Mensch“, „Würde wird wirksam“, „Bewegung vor Fixierung“.
Vor der wohlverdienten Kaffeepause gab es für 10 Personen Ehrungen für besondere Leistungen und besonderes Engagement im Zusammenhang mit dem Werdenfelser Weg.

 

11.15 – 12.15 Uhr

Herausforderndes Verhalten in der Pflege Interventionsstrategien und Lebensqualität Dr. Stefanie Wiloth

 

Vom Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg sprach Frau Dr. phil. Stefanie Wiloth zum oben genannten Thema. Sie vertrat Herrn Prof. Dr. Dr. Andreas Kruse, der aus Termingründen leider absagen musste. Sie ist in der Demenzforschung tätig und referierte zum Thema „Kommunikation und Reflexion bei Menschen mit Demenz (MmD) und Pflege“.

Bild: Jo Jonietz

Anschaulich berichtete sie von Untersuchungen anhand eines Fallbeispiels aus der Pflege. Es bestehen in der Kommunikation mit Pflegebedürftigen Kommunikationsmuster. Eine Kommunikationsstrategie wird seitens der Pflege nicht wahrgenommen und so entsteht eine Diskrepanz zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung. Besonders bei MmD sollte das eigene pflegerische Handeln reflektiert werden, positiv wie negativ. Es entsteht ein Bewusstwerden zur eigenen Handlung und damit eine Kontrollüberzeugung auf Seiten der Pflegefachkräfte: sie besitzen die Stärke, bestimmte Situationen bei MmD im Voraus zu erkennen und entsprechend darauf zu agieren.
Herausforderndem Verhalten wird oftmals mit freiheitsentziehenden Maßnahmen (FeM) begegnet. Wiloth betont, dass hier eine ethische Fallbesprechung zeitnah mit allen Professionen und auch Angehörigen erfolgen sollte. FeM zeigen schnell Wirkung, vor allem im Verhalten, Konsequenzen sind erforderlich. Grundsätzlich müssen Fragen zur Notwendigkeit, Verhältnismäßigkeit und zu Alternativen gestellt und beantwortete werden. Der Blick muss auf objektive und messbare Probleme gerichtet werden, die im Verhältnis zu Herausforderndem Verhalten stehen. Und: „den Blick auf den Betroffenen richten!“ Ihn fragen, woher rührt sein Verhalten, welche Bedürfnisse und Potenziale bestehen? Ursachen eruieren, Interventionen anbieten, Alternativen suchen um das Verhalten zu ändern, damit es dem Betroffenen besser geht.

Bild: Jo Jonietz

Ein wichtiger Aspekt ist die Biografie eines Bewohners. Hier sind z. T. wichtige Informationen vorhanden, die Herausforderndes Verhalten ggf. erklärbar machen können. Ältere Menschen sind vulnerabel, nicht im Sinne von verletzlich sondern empfindsam. Sie reagieren empfindlicher auf ihre gesamte Umwelt wie Tagesabläufe- und Strukturen oder auf personenspezifische Merkmale. Kommunikation bei MmD ist grundlegend wichtig um Ursachen für ein bestimmtes Verhalten zu erkennen. Wiloth sprach von einer verstehenden, kommunikativen Pflege, die auf Selbstreflexion basiert und die Bedürfnisse der Betroffenen berücksichtigt. Herausforderndes Verhalten zu reduzieren oder zu vermeiden bedingt die Entwicklung alternativer Maßnahmen. Die Identifizierung der Ursachen für das Verhalten kann durch intensive, empathische Auseinandersetzung mit den Betroffenen erfolgen, aber auch durch eine emotional-empathische Kommunikation in Bezug auf deren Bedürfnisse und Realisierung von Potenzialen.
Um herausforderndes Verhalten bei MmD zu vermeiden, ist die Voraussetzung, ein differenziertes Verständnis von Lebensqualität zu entwickeln. Diese ist multidimensional bedingt und abhängig von der räumlichen und sozialen Umwelt, der Betreuungsqualität und Verhaltenskompetenz, des medizinisch-funktionalen  und sozialem Status sowie durch subjektives Erleben und Emotion.
Sie verweist auf den Einfluss eines reduktionistischen Menschenbilds: Der Körper als passiver „Trägerapparat“ führt nur noch ein Schattendasein, gleichzeitig stellen kognitive Defizite die Hauptsymptomatik bei Demenz im Bereich Kognition und Geist dar. Somit müssen die zentralen Bedürfnisse wie Sorge um Autonomieverlust, vor Schmerzen, Einsamkeit und sozialer Isolation, berücksichtigt werden. Ebenso erfolgen eine intensive Beschäftigung mit der eigenen Lebenssituation und Entwicklung von nahestehenden Personen sowie das Bedürfnis, auch weiterhin geachtet zu werden.

Bild: Jo Jonietz

„Herausforderndes Verhalten vermeiden, heißt Lebensqualität fördern“.
Zum Ende des Vortrags stellte sie kurz das QS-Instrument H.I.L.D.E. vor, (Heidelberger Instrument zur Erfassung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz für die Qualitätssicherung in Pflegeeinrichtungen). Das Motto von H.I.L.D.E.-QS heißt: „Würdevolle Kommunikation schlägt Brücken!“
Mit einem Zitat von Michael Balint brachte Wiloth das Thema Kommunikation auf den Punkt. „Das mitfühlende Gespräch – charakterisiert durch Offenheit und Vertrauen – muss im Zentrum der Medizin stehen!“ (Balint)
Die Essenz des Vortrags: „Herausforderndes Verhalten ist Indikator für Kommunikationsprobleme und soll daher Anlass zur ethischen Reflexion der eigenen Pflegetätigkeit geben!“ und „Herausforderndes Verhalten ist eine zentrale Dimension von Lebensqualität bei MmD und es ist immer primäres Ziel, diese zu erhalten und/oder zu erhöhen!“ Lebensqualität kann zur Lebensqual führen, wenn die Bedürfnisse der Menschen nicht erfüllt sind.
Ihr Fazit aus gerontologischer Perspektive zur Thematik des herausfordernden Verhaltens bei MmD in der Pflege:

  1. Weil doch oft noch so gehandhabt: Bei MmD führt der Einsatz von FeM zu potenzieller Verstärkung des Verhaltens und damit zu einer deutlichen Reduktion von Lebensqualität.
  2. Einiges hat sich jedoch schon verbessert: die Entwicklung alternativer Lösungen in regelmäßigen Fallbesprechungen, die Vermeidung von FeM, die zu einem Erhalt der Lebensqualität führt und
  3. Erstrebenswert: Ein würdevoller Umgang, empathische Interaktion mit MmD sowie mögliche Vermeidung von herausforderndem Verhalten durch Identifizierung und Realisierung der Bedürfnisse, die zu einer möglichen Steigerung der Lebensqualität führen kann und damit auch auf pflegerischer Seite zu einer Steigerung der Arbeitszufriedenheit führen kann.

Ein wirklich interessanter Vortrag, lebendig und praxisnah durch Fallbeispiele. Im Anschluss folgte eine Pause mit Mittagessen in der Mensa der KSH bei regem Austausch und informativen Gesprächen.

 

 

13.30 – 14.00 Uhr

Herausforderndes Verhalten in der Psychiatrie

Zu diesem Thema referierte Peter Kraus, Fachkrankenpfleger für Psychiatrie, Deeskalationstrainer  und Beauftragter der medizinischen Einrichtungen des Bezirks Oberpfalz für Deeskalationsmanagement und Patientensicherheit.

„Die Psychiatrie ist der Raum, wo herausforderndes Verhalten sein darf“, so startete Kraus seinen Vortrag. Die Aufgabe der Pflege ist es, starke Emotionen zu regulieren. Hierzu gibt es mannigfaltige Ansätze, z. B. die Berücksichtigung des Milieus und sozialer Bindungen. Vor allem brauchen Menschen in psychischen Stresssituationen Kontakte und Gespräche. Seine Forderung ist, dass Pflegekräfte „draußen“ im Stationsalltag präsent sind und sich nicht im Hintergrund aufhalten, z. B. im Büro. Verständlicher Weise verhielten sich Kollegen teilweise so, da in der Psychiatrie in einer „Roten Zone“ gearbeitet  wird. Aus seiner 34 jährigen Berufserfahrung wies Kraus darauf hin, dass bei aggressivem Verhalten seitens der Patienten durch Verhaltenstraining, die eigenen Emotionen und Impulse gesteuert werden können. Kraus ging auf die Wichtigkeit der emotionalen Kompetenz wie Empathie und Mitgefühl ein. Ist eine Fachkraft in der Lage Mitgefühl zu zeigen, löst es neben dem positiven Affekt des Caring auch eine Zufriedenheit beim Mitarbeiter aus, indem er zufrieden nach Hause geht.
Die eigene emotionale Kompetenz sollte mit Hilfe mentalen Trainings immer wieder geschult werden. Um voneinander lernen zu können, braucht es verschiedene Professionen. Als weitere Kompetenzen nannte Kraus die Fähigkeit der Selbstreflexion und Deeskalation sowie ein gutes Stressmanagement.
Das eigene Stressmanagement sei deshalb wichtig, da Patienten im übertragenen Sinne immer wieder „ins Feuer“ reingehen. Wenn Fachkräfte in der Lage sind, in eskalierenden Situationen einen Perspektivwechsel vornehmen und sich in den Patienten reinversetzen können, dann kann herausforderndes Verhalten abgefangen werden. Dabei ist die Gestaltung des intersubjektiven Raums, der intensive Blickkontakt und Fokus, zwischen Pflege und Patient von großer Bedeutung.
Die Botschaft am Ende seines Vortrags lautete: „Akutpsychiatrie sollte ein Schutzraum und schönster Raum sein.“

Peter Kraus, Fachkrankenpfleger für Psychiatrie, Deeskalationstrainer , Beauftragter der medizinischen Einrichtungen des Bezirks Oberpfalz für Deeskalationsmanagement und Patientensicherheit

 

Fachkrankenpfleger für Psychiatrie, derzeit beschäftigt in der Fachklinik für forensische Psychiatrie am Bezirksklinikum Regensburg und Beauftragter der medizinischen Einrichtungen des Bezirks Oberpfalz (Medbo) für Deeskalationsmanagement und Patientensicherheit

 

14.15 – 14.45 Uhr

Herausforderndes Verhalten in Behinderteneinrichtungen

Martina Seuser, Heilerziehungspflegerin, professionelle Deeskalationstrainerin Wohnhausleiterin Haus Hohenhonnef

Als Heilerziehungspflegerin, professionelle Deeskalationstrainerin und Wohnhausleiterin sprach Martina Seuser zum zweiten Mal am Fachtag. Aus ihrer Tätigkeit und ihren Erfahrungen brachte sie gute Praxisbeispiele mit. Grundsätzlich stellte Sie die Fragen: „Wer fordert Sie heraus und was fordert Sie heraus?“ Die Herausforderung kommt von  Personen, die z. B. unter einer geistigen Behinderung leiden, psychiatrische Krankheitsbilder aufweisen, an Autismusspektrumsstörungen leiden, deren Verhaltensproblematik einen massiven Einfluss auf die Lebensqualität der Menschen im gesamten Umfeld hat und eine adäquate und bedürfnisorientierte Betreuung nicht möglich ist. Auslöser sind z. B. brachiale Aggression, Sachbeschädigung, selbst- und fremdverletzendes Verhalten, Schreien und Stereotypien, Weglauftendenzen, u. v. m. Die Folgen für die Fachkräfte aber auch Mitbewohner sind z. T. pure Verzweiflung, Wut, Ärger, Angst, Unsicherheit und Streit im Team.

Bild: Jo Jonietz

Dies kann in einer abwärtstendierenden Spirale enden. Rechtzeitige Intervention, Beobachtung und Wissen um diese Situationen sind notwendig, um für alle Beteiligten – Bewohnern und Mitarbeitern – eine Lösung zu finden. Nach Seuser handelt es sich bei Herausforderndem Verhalten um ein Kommunikationsproblem. Dieses Verhalten ist ein Mitteilungsversuch, aber auch wenn ein Mensch unter seiner Behinderung leidet, hat er größtenteils eine Wahl bzw. die Regie über seine Möglichkeiten. Alle Verhaltensweisen haben einen subjektiven bedeutsamen Sinn. Auf fachlicher Seite ist die selbstkritische Reflexion der eigenen Handlungen absolut notwendig.
Die Mitarbeiter in ihrem Haus besitzen Durchhaltevermögen und sind kreativ um Lösungen zu suchen, denn „außergewöhnliches Verhalten bedarf außergewöhnlicher Lösungen.“ Eine ihrer Kernaussagen war: „das Team passt sich an die Menschen an.“ Ausführlich stellte sie Strategien sowie räumliche, zeitliche und strukturelle Anpassungen vor. Dabei wird zuerst auf die individuellen und bedürfnisorientierten  Anpassungen geschaut. Unterstützend wirken Farbkonzepte, Nutzen von Symbolen, besondere Möbel, Matratzen und Wäsche oder sogar Panzersteckdosen aber auch Notrufgeber für die Mitarbeitenden. Es gibt ein Angebot von akustischen, optischen oder taktilen Reizen, Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen und Zeitfenster werden beachtet.

Bild: Jo Jonietz

Auf struktureller Ebene sind die Mitarbeiter und Institution gefragt. Eine individuelle Krisenplanung mit Beschreiben einer verhaltensauffälligen Situation, individueller Handlungsanweisung für das Personal und genauer Beobachtung bilden die Grundlage. Zusätzlich wurden spezielle Häufigkeitsbögen entwickelt, die einen klar definierten Beobachtungsauftrag haben wie: welches Verhalten trat auf, wann trat es auf und wer war im Dienst. Es sollte die vorangegangene Situation beschrieben werden, die das Verhalten ausgelöst hat. Zum Abschluss erfolgt eine Fallbesprechung, in der alle bekannten Fakten besprochen werden und nach Ursachen und Hintergründen gesucht worden ist. Es werden Thesen gebildet, Prioritäten im weiteren Vorgehen gesetzt,  Maßnahmen abgeleitet und eine pädagogische Anpassung vorgenommen. Seuser wies darauf hin, dass auch unkonventionelle Hilfsmittel zum Einsatz kommen, wie Material aus dem Baumarkt oder Küche. Wert legt Sie auf visuelle Skalen und Bilder, damit die Betroffenen lernen, eine Selbsteinschätzung vornehmen zu können, aber auch ihre Bedürfnisse mitzuteilen.
Mit diesem Vortrag aus der Behindertenhilfe konnten wieder neue Informationen gewonnen werden, die auch für Verfahrenspfleger, die in diesen Einrichtungen tätig sind, sehr hilfreich waren.

 

15.30 – 16.00 Uhr

Herausforderndes Verhalten in der Altenpflege

Institut aufschwungalt Sabine Tschainer Dipl. Theologin; Dipl. Psychogerontologin, Inhaberin und Geschäftsführerin des Instituts aufschwungalt München

 

Sabine Tschainer, Dipl. Theologin und Psychogerontologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin vom „Institut aufschwungalt“ in München referierte frei und ohne die gängige Power Point Präsentation, was dem letzten Vortrag des Tages ein gewisses Etwas und noch einmal volle Aufmerksamkeit gab.

Um herausforderndes Verhalten zu verstehen und einzuordnen, muss die Funktion des Gehirns betrachtet werden. Tschainer stellte provokant die Fragen:
„Wer fordert uns heraus und worauf legen wir den Fokus?“
Herausforderndes Verhalten ist herausfordernd für uns, weil wir damit konfrontiert sind. Sie ging ausführlich auf neurobiologische Zusammenhänge ein. Bei einem gesunden Menschen kann eine Emotion wie Wut, bewusst gesteuert werden. Aggressives Verhalten gesunder Menschen hat ein Ziel und eine Absicht. Menschen mit primärer Demenzerkrankung  können jedoch nicht zielgerichtet handeln. Das autobiografische Gedächtnis geht bei demenzerkrankten Menschen früh verloren. Das semantische Wissen geht jedoch nicht leicht verloren.

Bild: Jo Jonietz

Tschainer führte aus, dass das explizite Gedächtnis, die lebendige Erinnerung, „das Wissen um mich selbst“ am Anfang und bis ins mittlere Stadium einer Demenzerkrankung erhalten bleibt.
Die Psychogerontologin kritisierte die Praxis der leichtfertigenden Feststellung der Diagnose Demenz. Allenfalls könne ein Hausarzt „Verdacht auf Demenz“ als Diagnose dokumentieren bevor nicht eine differenziale Diagnostik vorgenommen wurde.
Grundsätzlich stehen uns Menschen in Bedrohungssituationen zur Selbsterhaltung drei Strategien zur Verfügung: der Kampf, die Flucht und die Starre.
Demenzerkrankte Menschen fühlen sich beispielsweise, bedingt durch irritierende Umweltfaktoren wie Zeitdruck, in einem seelischen Stresszustand. Sie fühlen sich vermeintlich bedroht und versuchen sich selbst zu schützen. Dieses Verhalten wird von den Pflegenden häufig als herausfordernd empfunden.

Bild: Jo Jonietz

Die Aufgabe der Pflege ist es, zu hoch gesetzte Ziele in realistische zu verwandeln, um für alle Beteiligten mehr Zufriedenheit zu erreichen.
Tschainer versuchte Begeisterung für die Arbeit mit Demenzerkrankten zu wecken. Sie meinte, dass wir „demenzerisch“ lernen sollten. Detektivisches Suchen nach der Bedeutung von unverständlichen Worten. Die Pflege solle in Fortbildungen lernen, ein „Demenzdolmetscher“ zu sein.
In ihrem Vortrag ging Tschainer auch auf die Bedeutung der deutschen Nachkriegsgeschichte ein. Sie sprach von dem Kummer und der transgeneralisierten Traumatisierung der Kriegsgeneration, der nachfolgenden und der jetzigen Generation. Diese Erfahrungen, Emotionen und (unausgesprochenen) Geschichten „wohnen“ in den Genen und im Gehirn. Die Kinder und Angehörigen der dementiell erkrankten Menschen haben auch eine Bedürftigkeit.
Zum Abschluss wies Frau Tschainer auf die Modularität des Gehirns hin. Das Gehirn ist nicht aus Beton, es lässt sich verändern und es tue gut, neue, neuronale „Autobahnen“ anzulegen. Mit dem letzten Satz: „Genießen Sie Ihr Leben.“ verabschiedete sie sich.

 

16.15 – 16.30 Uhr Verabschiedung

Wie auch im vergangenen Jahr wurden alle Referenten mit einem großen Applaus verabschiedet. Ebenso ging ein großes Dankeschön für die Organisation an Karin Rothmund vom Institut für Fort- und Weiterbildung der KSH.

 

Bild: Jo Jonietz

 

 

Jo Jonietz von GAPA-TV  machte wie jedes Jahr ausreichend Fotos und nahm einige kurze Statements per Video auf.

Bild: Jo Jonietz

Bereichernd waren wie jedes Jahr, auch die verschiedenen Professionen; hier wurde sich ausgetauscht, Kontakte geknüpft und alte Bekannte und Kollegen trafen sich auf dem Campus.
Wer wollte, ging anschließend noch mit in den Biergarten, um den Tag im Freien bei anregenden Gesprächen ausklingen zu lassen. Wir danken den Initiatoren des Werdenfelser Wegs Dr. Sebastian Kirsch und Josef Wassermann für die hervorragenden Themenauswahl und Vorbereitung im Vorfeld.

Verantwortlich für den Text: Martina Neldel unter Mitarbeit von Simone Heimkreiter.